Spätestens im vergangenen Jahr ist deutlich geworden, wie alternativlos die Digitalisierung auch für den Werkzeugmaschinenbau und seine Kunden ist. Über die kommenden 12 Monate haben wir im Interview mit Tommy Kuhn gesprochen, Geschäftsführer der DMG MORI Software Solutions GmbH.
Herr Dr. Kuhn, wie beurteilen Sie das Jahr 2018?
Die Digitalisierung hat enorm an Tempo gewonnen. Gefühlt war 2018 sicher für viele das schnellste Jahr aller Zeiten. Dabei hat die Diskussion über das Für und Wider jenseits des Hypes zunehmend an Sachlichkeit gewonnen.
Die Digitalisierung wird inzwischen auf breiter Front als kontinuierlicher, vor allem aber als hochgradig unternehmensindividueller Transformationsprozess begriffen – mit weitreichenden Wechselwirkungen über die eigenen Unternehmensgrenzen hinweg.
Was heißt das konkret?
Das heißt zum Einen: Jedes Unternehmen muss die digitale Transformation so gestalten und beschleunigen, wie es gut für das eigene Unternehmen und dessen Ziele ist. Die digitalen Applikationen für große Unternehmen mit hunderten von Maschinen und Mitarbeitern sind andere als jene Anwendungen für kleine und mittelständische Unternehmen. Das heißt aber auch: Jedes Unternehmen wird durch die Digitalisierung sukzessive zum interaktiven Teil eines kollaborativen Wertschöpfungsnetzwerkes aus Produkten, Diensten und Daten – mit Konnektivität als „Spielberechtigung“ für das Mitwirken im industriellen Internet.
Wie unterstützt DMG MORI seine Kunden im Umfeld der Digialisierung?
Wichtig ist für uns als Werkzeugmaschinenhersteller das Gleichgewicht aus Tradition und Moderne. DMG MORI wird weiterhin der Inbegriff sein für perfekte Fertigungsmittel im Bereich der spanenden Fertigung und für Advanced Technologies wie dem 3D-Druck.
Unsere Kunden dürfen aber in gleicher Qualität und Güte von uns erwarten, dass wir sie ganzheitlich und umfassend bei ihrem Digitalisierungsprozess begleiten.
Was verstehen Sie unter „ganzheitlich“ und „umfassend“?
Auf dem Weg ins digitale Zeitalter der Produktion hat zunächst unser IoTconnector als bidirektionale Schnittstelle der Maschinen eine strategische Bedeutung, die weit über den Shopfloor hinausreicht. Auf Seiten der Maschine übertragen wir darüber Zustände und unzählige Sensordaten, analysieren diese und verbessern durch das gewonnene Wissen sukzessive den Prozess – teilweise bereits adaptiv in Echtzeit.
Beim Zusammenspiel von Maschine und Werkzeug wissen wir in einer vernetzten Fertigung, welche Werkzeuge sich wo befinden, wo welche Werkzeuge als nächstes benötigt werden und wie der aktuelle Zustand der Werkzeuge ist. Dadurch hat der Kunde alle Informationen, die er für eine perfekte Kapazitätsplanung und Werkzeuglogistik benötigt.
Über Maschinen und Werkzeuge hinaus rücken mit der digitalen Wertschöpfung zunehmend auch nachgelagerte Prozesse in unseren Fokus – bis hin zur perfekten Orchestrierung von Menschen, Diensten und Daten in einer digitalen Fabrik und darüber hinaus in digitalen Wertschöpfungsnetzwerken.
Es gibt also nicht die Vernetzung oder die Konnektivität?
Genau so ist es. Jede Anwendungsebene hat ihre eigenen Konnektivitätsanforderungen. Ebene 1 betrifft beispielsweise die Remoteunterstützung im Servicefall. Hier werden Bilder und Video-Streams ausgetauscht und der Kunde erhält schnelle Unterstützung eines Experten, der nicht vor Ort ist. Stillstandszeiten werden damit minimiert.
Ebene 2 dient der Integration. Hier werden Dateien zwischen Software-Systemen und Maschinen ausgetauscht – wie die Zuweisung von NC-Codes aus CAM-Systemen an Maschinen. Manuelle Einrichtzeiten werden dabei reduziert und der Prozessdurchlauf beschleunigt.
Ebene 3 dient der Automation. Hier erfassen wir grundlegende Maschinenzustände aus der Steuerung, also dem Innenleben der Maschine, im Sekundentakt. Planungssysteme, Wartungssysteme und Monitoring- Lösungen können alleine mittels dieser Daten die Auslastung der Maschinen signifikant steigern, auf ungeplante Störungen sofort reagieren und eine Transparenz über alle Fertigungsvorgänge an einer zentralen Instanz schaffen. Ab Ebene 4 und 5 wird es deutlich komplexer. Hier beginnen wir, mehr Sensorik- und Auftragsdaten aus der Maschine im Takt von 100 bis 3 msec abzurufen.
Damit lassen sich mit der entsprechenden Analysesoftware eine Vielzahl von Vorhersagen über Maschinenzustände treffen, so dass bereits vor Eintreffen einer ungeplanten Störung reagiert und diese vermieden werden kann oder Bauteile während der Bearbeitung bereits im Prozess vermessen und adaptiv angepasst werden können.
Was sollte der erste Schritt in Richtung Digitalisierung sein?
Wichtig für den Einstieg ist eine selbstkritische Standortbestimmung in Form eines digitalen Reifegrades und eine schrittweise Planung mit realistischen Zielgrößen.
Das Monitoring der Maschinenperformance ist in der Regel ein guter Einstieg mit hohem Nutzwert, da sich mit den gesammelten Erkenntnissen sehr schnell Planungs- und Wartungsprozesse verbessern lassen.